Die Archäologie der Sinne: 3D-Raumanalyse als Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung der Vergangenheit

Obwohl gut erhaltene archäologische Stätten wie Pompeji einen scheinbar klaren Blick in die Vergangenheit gewähren, können mithilfe von 3D-Raumanalysemethoden neue Erkenntnisse gewonnen und sozio-symbolische Dimensionen antiker Stätten erforscht werden. Giacomo Landeschi, stellvertretender Leiter des Digital Archaeology Labs und Associate Professor für Archäologie an der Universität Lund, präsentierte seine Forschung in einem Kolloquiumsvortrag an der Universität zu Köln und gewährte uns Einblicke in das „Swedish Pompeii Project“, das im Jahr 2000 vom schwedischen Institut in Rom initiiert wurde.

Landeschi begann seinen Vortrag mit einer kurzen Vorstellung der Forschungsmethoden und -motivationen des Digital Archaeology Lab‘s in Lund. Das Lab nutzt diverse 3D-Technologien wie Modellierung, Virtual Reality und 3D Geographical Information Systems, um eine tiefgehende Untersuchung und Analyse verschiedener archäologischer Stätten und Denkmäler zu ermöglichen. Eine Hauptmotivation liegt in der Kommunikation der Forschungsergebnisse, wodurch Landeschi und das Team des Digital Archaeology Labs einen wertvollen Beitrag zu unserem Verständnis der Vergangenheit leisten möchten.

Theoretische Grundlagen: Affordanz, Modellierung und Heuristik

Landeschi betont, dass für seine Forschung und für die digitale Archäologie im Allgemeinen drei grundlegende Konzepte essentiell sind.

  1. Affordanz: Dieser Begriff aus der Wahrnehmungspsychologie beschreibt die Handlungsmöglichkeiten, die ein Objekt oder eine Umgebung einem Individuum bietet. Landeschi verdeutlichte dies am Beispiel der südseitigen Bänke an der Lund Cathedral. Während man im Winter oder bei schlechtem Wetter den Sinn dieser architektonischen Elemente nicht auf Anhieb erkennt, erschließt sich die Platzierung der Bänke, wenn man die Interaktion der Menschen mit diesen Elementen beobachtet. Sie nutzen die optimale Lage der Bänke, um das Sonnenlicht im geschützten Raum der Kathedrale zu genießen. Dieser Aspekt der Raumnutzung ist nicht zufällig, sondern spiegelt die Bedürfnisse und Gewohnheiten der Menschen wider, die diesen Raum genutzt haben. Der antike Raum ist keine statische Einheit und kann nicht vollständig verstanden werden, ohne die Rolle seiner ursprünglichen Bewohner zu berücksichtigen. Die Analyse der Affordanzen erlaubt es, Rückschlüsse auf die soziale und kulturelle Praxis in antiken Räumen zu ziehen.
  1. Modellierung: Ein Modell ist eine Vereinfachung eines komplexen Phänomens, um ein besseres Verständnis zu ermöglichen. Der Zweck der Modellierung in der Archäologie besteht darin, unsere Wahrnehmung der Vergangenheit mit unserer Erzählung der Vergangenheit zu verbinden. Archäologen versuchen, ausgehend von der Analyse materieller Beweise, Aussagen über die Vergangenheit zu treffen. Dabei ist es wichtig zu betonen, dass Modelle nicht die Vergangenheit nachbilden, sondern interpretieren. In den letzten Jahren hat die Praxis der digitalen 3D-Modelle (virtuelle Archäologie) in der Archäologie an Bedeutung gewonnen. Virtuelle Realität und 3D-Anwendungen ermöglichen es, die Realität und das physische Erscheinungsbild der Vergangenheit zu rekonstruieren.
  1. Heuristik: In der archäologischen Forschung stehen Wissenschaftler oft vor dem Problem, dass nur begrenzte Informationen über die Vergangenheit verfügbar sind. Um dennoch zu sinnvollen Ergebnissen zu kommen, werden heuristische Methoden eingesetzt. Heuristik bezeichnet Methoden, die mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu wahrscheinlichen Aussagen oder praktikablen Lösungen führen. In der Archäologie werden heuristische Methoden eingesetzt, um Hypothesen zu generieren und Forschungsfragen zu formulieren. Die digitale Archäologie bietet neue Möglichkeiten, heuristische Methoden anzuwenden und zu verfeinern.
Abb. 1: Außenansicht des Doms zu Lund. Foto:Chris06 via Wikimedia Commons, lizenziert unter CC BY-SA 4.0.

3D-Modellierung: Potenziale und Herausforderungen im wissenschaftlichen Diskurs

Landeschi ging kurz auf die Kritik ein, dass der Nutzen von VR und 3D-Modellierung in der Archäologie nur darin bestehe, eine antike Realität zu imitieren. Seiner Meinung nach trivialisiert dies den Nutzen dieser Technologien. Eines der Hauptprobleme bei aktuellen 3D-Ansätzen sei jedoch der Mangel an Transparenz bei der Modellrekonstruktion. Die “London Charter” und die “Seville Principles” formulieren Richtlinien und Best Practices für die 3D-Rekonstruktion in der Archäologie, die als Reaktion auf die Kritik an der Verwendung und dem falschen Gebrauch von 3D-Modellen entstanden sind. Innerhalb ihrer Forschung versuchen Landeschi und sein Team, das Feld der 3D-basierten Archäologie weiterzuentwickeln, indem sie die Verwendung von 3D-Modellen mit GIS (Geographische Informationssysteme) kombinieren.

Fallstudie: Das Swedish Pompeii Project als Beispiel für die Anwendung von 3D-GIS-Analysen

Im Hauptteil seines Vortrags stellte Landeschi das Swedish Pompeii Project vor, das Anfang der 2000er Jahre gestartet wurde. Ziel des Projekts ist es, die sozio-symbolische Dimension des antiken Raums zu untersuchen, insbesondere im Hinblick auf Fragen der Identität, Macht und Handlungsfähigkeit.

Abb.2: 3D Modell der Insula V 1 in Pompeji. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Danilo Campanaro und Giacomo Landeschi.

Als Fallstudie diente die Insula V 1 in Pompeji. Ein Teil dieser Insula wurde zusammen mit dem rekonstruierten Haus des Caecilius Iucundus als 3D-Modell in ein GIS importiert. Landeschi und sein Team führten eine Sichtlinienanalyse in einer 3D-GIS-Umgebung durch, um die visuelle Prominenz bestimmter Elemente der Dekoration zu testen. Er erwähnte beispielsweise die Untersuchung eines erotischen Freskos im Haus. Sie fanden heraus, dass dieses Fresko aufgrund von visuellen Hindernissen im Raum (Säulen etc.) nicht so sichtbar war wie bisher angenommen. Dies demonstriert die Möglichkeit, frühere Theorien, die möglicherweise durch ein “offen sichtbares” erotisches Fresko beeinflusst wurden, durch den Einsatz neuer Methoden zu revidieren.

Eye-Tracking und 3D-GIS: Die Erforschung der visuellen Wahrnehmung in antiken Räumen

Ein weiterer spannender Ansatz, den Landeschi vorstellte, ist die Kombination von Eye-Tracking-VR und 3D GIS. Mit dieser Methode kann die menschliche Wahrnehmung eines Raumes besser verstanden werden, indem die Blickbewegungen von Nutzern in einer virtuellen Umgebung – in diesem Fall verschiedener Versionen eines pompejanischen Hauses – aufgezeichnet und analysiert werden. Die Ergebnisse werden in Form von Heatmaps dargestellt, die zeigen, welche Bereiche der virtuellen Umgebung die meiste Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Diese Methode bietet neue Möglichkeiten, die visuelle Wahrnehmung antiker Räume zu erforschen und zu verstehen, wie Menschen in der Vergangenheit ihre Umgebung wahrgenommen haben könnten. Landeschi wies jedoch auch auf die Grenzen dieser Methode hin. Eye-Tracking erfasst nur die niederen kognitiven Prozesse der visuellen Wahrnehmung und berücksichtigt nicht die höheren kognitiven Prozesse wie Bildungshintergrund oder kulturelle Prägung, wodurch Menschen heute antike Räume anders wahrnehmen könnten als Menschen aus der entsprechenden Zeit.

Abb. 3: Eye-Tracking Heatmap. Foto: Mit freundlicher Genehmigung von Danilo Campanaro und Giacomo Landeschi.

Zukunftsperspektiven: Die Archäologie der Sinne im digitalen Zeitalter

Landeschis Vortrag bot einen spannenden Einblick in die Möglichkeiten der 3D-Raumanalyse in der Archäologie. Durch die Kombination von 3D-Modellierung, GIS und Eye-Tracking-Technologie können Archäologen die sozio-symbolische Dimension antiker Räume auf neue Weise erforschen und unser Verständnis der Vergangenheit erweitern. Landeschi betonte, dass die “Archäologie der Sinne” noch am Anfang steht und viele Herausforderungen zu bewältigen sind. Eine der größten Herausforderungen ist die Modellierung menschlicher Wahrnehmung. Wie können wir die subjektiven Erfahrungen der Menschen in der Vergangenheit erfassen und in digitale Modelle integrieren?


Zum Autor:

Lukas Daude-Eichholtz studierte in Paderborn Medienwissenschaften. Aktuell absolviert er ein Masterstudium der Informationsverarbeitung. Außerdem arbeitet er als Data Engineer im Bereich Energieverteilung.

 


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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
dhstudi (13. März 2026). Die Archäologie der Sinne: 3D-Raumanalyse als Schlüssel zu einer neuen Wahrnehmung der Vergangenheit. Digital Humanities Cologne. Abgerufen am 10. September 2026 von https://doi.org/10.58079/15vek


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